Die Konstruktion der Wirklichkeit und das gekühlte Glaubensfeuer
Die „theologia negativa“ und das Verständnis Gottes als „Nichts“ war, wie es mir damals schien, wenig geeignet als Glaubensgrundlage für den Priesterberuf. So wie ich diesen Beruf verstand und darin wohl mit den kirchlichen Vorstellungen übereinstimmte, waren Priester nicht dazu da, den Menschen zu verkünden, was Gott nicht sei, sondern was er sei und was er wolle, und dass das alles eingegossen sei in heilige Schriften und unumstössliche Dogmen.
Schweigend zum himmlischen Nichts
Als solcher Priester konnte ich mich nicht vorstellen. Wenn schon als Gottesmann, dann eher als eine weise Figur, die schweigend emporstrebt ins himmlische Nichts. Ein Ausdruck dafür, der mir lieb wurde, fand ich im Bild „Frühmesse“ von Giovanni Segantini, wo ein alter Priester eine Treppe emporsteigt und sich dem göttlichen Mysterium, symbolisiert im Blau des Himmels und im Mond, nähert.
Mit dem Verblassen meines Glaubens zum bloss gewussten Glauben war das ursprüngliche Berufsziel für mich keine Perspektive mehr. An der Theologie interessierte mich fortan bloss noch, weswegen sie mich nicht mehr interessierte oder umgekehrt, warum sie mich einst interessiert hatte. In der Einleitung zu einer geplanten Lizentiatsarbeit, die nie zu Ende kam, schrieb ich: „Das Theologiestudium kam mir schon bald wie leere Strohdrescherei vor, wie ein Spiel mit Worthülsen. … Das Problem beschäftigte mich. Warum war mir fragwürdig geworden, was für mich einst so selbstverständlich war, dass ich sogar meinen Beruf darauf ausrichten wollte?“